Winter in Südböhmen

 

Es schneit in dichten Flocken. Die Stadt versinkt in Winterschlaf. Dächer und Giebel tragen weiße Hauben. Eiszapfen krallen sich an Dachrinnen. Die verwinkelten Gassen sind fast menschenleer. Feiner, pulvriger Schnee dämpft die Schritte. Dann und wann das Geräusch einer kratzenden Schaufel. In den Läden brennt Licht. Vermummte Passanten stapfen gelassen durch die Strassen. In einem Café läuft leise Musik. Eine Frau schiebt ihren Kinderwagen durch den Schnee. Ein Mann trägt seine rohlik (Hörnchen, Kipferl) gemächlich nach Hause. Die Kälte backt die Wangen rot, die Atemluft ist eine dampfende Wolke. Irgendwo duftet es nach Kaffee. Am Abend bist du König, gehört dir die Stadt allein: Du stehst auf der Moldaubrücke im Schneetreiben, die Schlossfassade in strahlenden Farben vor dir, du allein ziehst Spuren durch den Schnee. Ein Wintertag bei Schneefall in Krumau: Diesen Eindruck, diese Stimmung möchtest du festhalten, einfrieren. Die Worte bröseln rasch zu Klischees: Romantisch. Verträumt. Zauberhaft. Unglaublich. Glaubt einem doch keiner. Ich höre schon auf, das klingt alles nach Schwindel, nach Honig ums Maul schmieren. Und ich weiss doch: Es gibt auch die Menschen und ihre Geschichten hinter den Kulissen. Dazu müsstet du dich für länger hier niederlassen, beobachten, zuhören, aufschreiben.

 

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist Frühling, Frühsommer, Sommer. Die Straßen sind belebt, die Schanigärten von der Sonne beschienen. Die Erinnerung an leise Wintertage ist dahingeschmolzen wie der Schnee. Krummau kann süchtig machen. Das ist eine Affäre für jede Jahreszeit. Sie dürfen die Stadt ruhig auch einmal im Winter besuchen. Sie müssen es ja nicht weitersagen.

 

Rudolf Habringer, Schriftsteller aus Walding bei Linz, Februar 2005. Zuletzt erschienen: Thomas Bernhard seilt sich ab: Satiren und Parodien III. Resistenz Verlag 2003.